High Precision G36

Fakten

Wer sich das Spektakel rund um die mangelnde Praezision des G36 angeguckt hat und halbwegs in der Lage ist, technische Daten in ballistische Berechnungen einfliessen zu lassen, wird u.U. auf folgende Fakten gestossen sein:

-Kaliber: 5,56mm x 45 NATO

-Lauflaenge: 480mm

-Drall: 6 Zuege, Rechtsdrall

-Muendungsfeuerdaempfer

Zum Kaliber: Grundsaetzlich sind Patronen in .223 Remington und 5,56mm x 45 NATO von den Aussenabmessungen her, nahezu identisch. Lediglich die Wandstaerke, Pulvermenge und -art, sind unterschiedlich. Die Standard NATO-Patrone, weist ein Geschossgewicht von 3,6 Gramm bzw. 55 grain auf.

Zur Lauflaenge: 480mm oder auch 18,9 Zoll, sind geringfuegig ueber dem geforderten Minimum, um ein Geschoss dieses Kalibers sinnvoll durch Drall zu stabilisieren.

Zum Drall: Die Angabe, es seien 6 Zuege, die einen Rechtsdrall bewirken, ist weit verbreitet. Allerdings ist eine Angabe fuer Geschoss-/Patronenauswahl bedeutend wichtiger: Die Dralllaenge. Bei obigem Kaliber, sind folgende Dralllaengen ueblich:

  • 1:12 (304,8mm)
  • 1:10 (254,0mm)
  • 1:9 (228,6mm)
  • 1:7 (177,8mm)

Dies bedeutet, auf einer Strecke von 7-12 Zoll, dreht sich das Geschoss einmal um seine Laengsachse. Wie stark der Drall sein muss, um ein Geschoss zu stabilisieren, haengt von Geschossgewicht und Kaliber ab.

Bei der NATO uebliche Geschosse, sind einmal die 55 grain* (3,6 Gramm) Weichkern- oder die ~62 grain (4,0 Gramm, Angabe MEN-Defencetec) Doppelkerngeschosse DM11. 55 grain ist ausserdem das Gewicht des „Standard“geschosses der amerikanischen AR15-Besitzer. Es funktioniert bei nahezu allen Dralllaengen zufriedenstellend und ist in der Regel ueberall verfuegbar, wenn nicht grad wieder alle Behoerden und Munitionshaendler, diese Munition auf- oder gar zurueckkaufen.

Muendungsfeuerdaempfer: Der bei der Bundeswehr verwendete MFD, ist weder fuer Waffe noch Kaliber gedacht. Aufgeschraubt ist der alte MFD vom G3. Das G3 verschiesst Patronen im Kaliber 7,62mm x 51 NATO, nicht 5,56mm x 45 NATO. Anderes Kaliber, andere Pulvermenge, anderer Gasdruck, andere Lauflaenge, alles anders. Ob das nun aus Kostengruenden geschah oder sich mal wieder jemand nichts dabei gedacht hat, man weiss es nicht. Zumindest konnte ich das nie in Erfahrung bringen.

Welche Patronen laufen denn dann im G36, wenn es um Praezision geht?

Die Dralllaenge des G36, entspricht in etwa 178mm oder 1:7 Zoll. Das bedeutet, die DM11 Doppelkernmunition laeuft rein von der Mathematik her in der Waffe, von der Praezision her sollte man unterschiedliche Geschosse mit unterschiedlichen Gewichten ausprobieren, um das ultimativ beste Geschoss und somit auch die beste Patrone fuer die Waffe zu finden. MEN-Defencetec gibt bei der DM11 Munition, den Streukreis mit ≤ 22 mm auf 100m an, was ein fabelhafter Wert ist. Nur aus welcher Waffe? 😉 Es gibt Waffen in diesem Kaliber, die am besten mit 69 grain Munition schiessen. 55 grain laeuft auch, jedoch scheint 63 grain Munition aus einer Giesskanne verschossen worden zu sein.Aufgrund der Dralllaenge von 1:7, solle man sich ruhig die schweren Geschosse in 69 oder 72 grain einmal angucken. Nicht alles, was Mathematisch Bloedsinn ist, ist dies im echten Leben auch. Hummeln koennen aerodynamisch gesehen, auch nicht fliegen. Und nicht vergessen, dass es neben – fuer Zivilisten erhaeltlichen – Vollmantelgeschossen, auf Teilmantelgeschosse mit Hohlspitze gibt.

Ich habe DIE Patrone gefunden. Gibt es noch was zu beachten?

Ja verdammt, reinigt euren Lauf nicht staendig! Dieses „Waffenreinigen bis zum bitteren Ende“, ist ein Relikt aus alten Zeiten, als Treibladungen noch aus Schwarzpulver und/oder Zuendladungen noch quecksilberhaltig (Korrosiv) waren. Es gibt keinen rationalen Grund, warum man seine Waffe heutzutage bei modernen Stahllegierungen noch taeglich reinigen muss. Ihr macht das Ding damit kaputt. Mein AR15 wird maximal mit einem BoreSnake durchgezogen und das war’s. Lediglich mein Mosin-Nagant, wird auch ohne Benutzung alle 1-2 Wochen frisch durchgezogen, weil „DIE Patrone“ fuer meinen Mosin, ungluecklicherweise zu den zweitgenannten korrosiven Patronen gehoeren. (147 grain PRC) Die 180/182 grain Patronen von Sellier&Belliot, verspritzt er wie aus der oben genannten Giesskanne und laeuft schnell heiss. Wettkampfuntauglich!

Etwas Physik: Wenn mittels Gasen ein Geschoss durch einen Lauf getrieben wird, findet Reibung zwischen Lauf und Geschoss statt. Da Kupfer zweifelsohne weicher als Stahl ist, gibt es Abrieb vom Geschoss auf den Lauf. Es setzen sich Kupfer und Schmauch ab. Das ist nichts Schlechtes! Ganz im Gegenteil! Genau wie beim Taupunkt, wo das Kondensieren und Verdunsten von Wasser auf Oberflaechen sich die Waage halten, gibt es bei Schusswaffen ebenfalls einen „Taupunkt“, der Waage zwischen Abrieb von Material des Geschosses und Abrieb von Ablagerungen des Laufes.

Milchmaedchenrechnung mit Phantasiemasseinheiten: Das Geschoss ist um „10“ kleiner als der Zug eines Laufes. Mit jedem Schuss setzen sich dennoch an bestimmten Stellen „0,1“ am Lauf ab. Heisst, nach 100 Schuss, haben sich Lauf und Geschoss durch Ablagerungen so angepasst, dass das Geschoss genau in den Lauf passt**, Ablagerungen im Lauf vom Geschoss und Abtrag der Ablagerungen durch das Geschoss, halten auch bald die Waage. Dann hat man konstante Abmessungen, wenn sich der Lauf nicht durch reinigen aendert oder man auf einmal Geschosse einer anderen Fertigungsnummer mit minimalst anderem Durchmesser/Gewicht benutzt.

Man erreicht auf garkeinen Fall so stressfrei so ein konstantes Gleichgewicht, indem man panisch nach jedem Schuss den Lauf mit Ammoniak reinigt. Im Gegenteil – und jetzt kommt etwas, was sich unter Waffenbesitzern noch nicht rumgesprochen hat oder gar als Humbug abgetan wird – die Erosion (Materialabtrag vom Lauf), wird durch dieses analfixierte Laufreinigen sogar gefoerdert. Das, was viele Leute da mit haertesten Chemikalien aus dem Lauf wischen, nuetzt mehr, als das es schadet. Es bewahrt den Lauf davor, irgendwann wie die Mondoberflaeche auszusehen, weil sich natuerlich aufgrund der physikalischen Belastungen auch Material vom Lauf loest.

 

Wenn wir bei „wuensch Dir was“ waeren…

Es gibt eine Konzeptwaffe auf Basis des G36, das LMG36. Die Einaeugigen unter den Blinden behaupten, der einzige Unterschied sei das Zweibein und das 100-Schuss Trommelmagazin. Das ist nicht ganz richtig. Der Lauf ist zwischen Patronenlager und Gasentnahme ca. 20% dicker, als beim G36. Je dicker ein Lauf, desto langsamer erwaermt sich dieser und – noch wichtiger – desto geringer ist die Eigenschwingung des Laufs im Schuss, was sich auf das Trefferbild auswirkt. Es hat schon einen Sinn, dass Praezisionslaeufe einen dickeren Aussendurchmesser als 12-15mm haben. Steifigkeit! Und der Lauf des LMG36, ist steifer als vom G36.

Wenn man also DIE Patrone gefunden hat und dankenswerterweise in der Lage ist, sich legal ein LMG36 zu beschaffen, was z.B. in den USA nicht unueblich ist, koennte man auf dessen Basis ein PraezisionsG36 bauen, welches sogar bis 1000m sinnvoll nutzbar ist, sofern die Aussenballistik des Geschosses (BC / V1000) dieses zulaesst. Das 69 grain Geschoss der S&B Patrone in .223 Remington, befindet sich je nach Waffe irgendwann zwischen 850 und 900m bei genau Mach 1, einem 72 grain Geschoss, traue ich mehr zu 🙂

 

Danke fuers Lesen!

*Ein Grain entspricht in etwa 0,065 Gramm und ist an das Gewicht eines Getreidekorns angelehnt.

**Nicht beruecksichtigt ist die ballistische Glaettung, aber die versuche ich hier auch nicht zu erlaeutern 😀

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s